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Werner Schuster's review of 'Dreaming of Babylon' (German)
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Brautigan, Richard: Von Babylon träumen


von Werner Schuster?

Kinderaugen, Erwachsenenmund

Christiane Bergfeld hat nun ihre zweite Brautigan-Übersetzung im Boder-Verlag veröffentlicht, und ich habe mir diesmal nicht die Mühe gemacht, die Übersetzung mit der von Günther Ohnemus zu vergleichen. Warum? Weil ich Ohnemus‘ „Träume von Babylon“, glaube ich, nie fertiggelesen habe (– zumindest konnte ich mich daran nicht erinnern), während mich Bergfelds „Von Babylon träumen –“ gleichermaßen amüsiert und gepackt hat.

Ganz verstehe ich das selbst nicht, denn das Buch ist auf den ersten Blick eine köstlich-absurde Kriminalgeschichte. Brautigan hat mit C. Card einen typischen Loser-Privatdetektiv geschaffen, der allerdings so heruntergekommen ist, dass er weder seine Miete noch einen Telefonanschluss bezahlen kann. Und jetzt hat er einen Auftrag erhalten und hat kein Geld für Revolver-Kugeln. Doch das ist nicht sein einziges Problem: C. Card ist ein Tagträumer und er träumt – erraten! – von Babylon.

Dort, also in seiner Fantasiewelt, ist er selbstverständlich kein Loser, hat ganz im Gegenteil Geld und Erfolg und eine tolle Freundin. Nun ist er allerdings deswegen eine gescheiterte Existenz, weil er so gern und so oft nach Babylon verschwindet. Und man mag „beide“ C. Cards, weil Brautigan hier nicht bloß einen Menschen mit widersprüchlichen Eigenschaften darstellt, sondern diese Widersprüche bis zum Äußersten und doch liebevoll ausreizt.

Und weil Brautigan auch mit Gattungen so umzugehen pflegte, wird C. Card klarerweise in einen sehr sonderbaren Fall um einen Leichendiebstahl verwickelt, in dem er kurz, ganz kurz nur, viel Geld sein Eigen nennt, um am Schluss genauso kirchenmaus-arm dazustehen wie am Anfang.

Psychedelisch

Warum man das verraten kann? Weil wir es hier, wie bereits angedeutet, nicht mit einem Krimi im eigentlichen Sinn zu tun haben. Weil auch dieser Roman für Brautigan doch bloß ein Anlass war, die Wirklichkeit mit Kinderaugen zu betrachten und fantasievoll-naiv auszuschmücken – und davon als Erwachsener für Erwachsene zu berichten.

Denn Brauigans Prosa ist, auch wenn das beim Lesen kaum auffällt, sehr raffiniert aufgebaut, und – wie mir Frau Bergfeld zu ihrer Übersetzung von „Willard und seine Bowlingtrophäen“ geschrieben hat – „im Originaltext ist kein Klang und keine Assoziation zufällig“. Für mich bedeutet das: Brautigan hat lyrische Prosa geschrieben.

Ich fasse zusammen: absurder Krimi, Detektiv ist Tagträumer, Leichendiebstahl, Kinderaugen, Erwachsenenmund, raffinierter Aufbau, lyrisch. Geht das? Das geht! Und sieht auf den ersten Blick wie naive Kunst aus, ist aber eher psychedelische und somit bewusstseinserweiternd. Anders gesagt: Brautigan hat mehr mit uns und der Wirklichkeit zu tun als so manche realistische Prosa.

Eselsohren.at
July 13, 2009
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